Ö1 09.09.2020

Hier spricht die Gedankenpolizei!

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Leben wir in einem neuen Zeitalter der Zensur?
Gestaltung: Daphne Hruby

"Belohnt wird Konformität - bestraft wird der Verstoß gegen das übereinstimmende Urteil." Nein, bei diesem Satz handelt es sich nicht um eine Analyse aktueller Forumsdiskussionen im Internet. Vielmehr entsprang diese Formulierung in den 1970ern Elisabeth Noelle-Neumanns Feder. Die Kommunikationswissenschafterin beobachtete bereits damals das Phänomen der "Schweigespirale". Demnach trauen sich Menschen aus Angst vor sozialer Ächtung oder Isolation nicht mehr offen ihre abweichende Meinung zu äußern - dabei verschwindet diese keineswegs aus der Welt, vielmehr brodelt sie unter der Oberfläche weiter. Wird die schweigende Mehrheit plötzlich von einer lautstarken Minderheit kontrolliert, landet man schnell in einer Gesinnungs-Diktatur.

"Die Aggressivität im Umgang mit Andersdenkenden war seit Jahrzehnten nicht mehr so groß wie jetzt", sagt der Medienwissenschaftler Norbert Bolz. Klimawandel, Flüchtlinge, Corona - gerade in den sogenannten sozialen Medien verkommen moralisch-aufgeladene Debatten schnell zu quasi-religiösen Auseinandersetzungen, in denen die unterschiedlichen Lager in "gut" und "böse" eingeteilt werden.
Aus Furcht vor dem digitalen Pranger erliegen Menschen einerseits einer Selbstzensur, einer Art vorauseilendem Gehorsam - andererseits stacheln sie sich in ihrer Online-Blase auch gegenseitig auf und verstricken sich teils in kruden Verschwörungstheorien. Apropos "Verschwörungstheorie" - auch wieder so ein tendenziöses Wort, dass zur Diffamierung abweichender Ansichten eingesetzt werden kann.

Wer, wann, wo, wie dargestellt wird - hierbei spielen Medien eine große Rolle. Auch sie filtern ihre Informationen. Das kann ein Qualitätsmerkmal sein - sofern Journalisten zuvor gründlich recherchieren, woher die Informationen stammen, welche Interessen dahinter stecken und dabei möglichst objektiv berichten. Reporter sind Meinungsbildner, gleichzeitig aber auch Teil einer Gesellschaft und ihrer Weltanschauung.
Redaktionell gegen den Strom zu schwimmen, kann mitunter recht aufreibend sein. Das gilt vor allem in Zeiten großer Unsicherheit und sozialer Umwälzungen.

Gerade in der Corona-Krise sind etablierte Medien wichtige Informationsüberbringer, sie sehen sich aber auch mit dem Vorwurf konfrontiert, teils zu unkritisch berichtet zu haben. Gleichzeitig beschränkte die österreichische Bundesregierung in der Akutphase den Zugang zu Pressekonferenzen, unabhängige Fotografen wurden anfangs gleich gar nicht mehr zugelassen. Laut Internationalem Presse-Institut bestand die Tendenz, kritische Berichterstattung "leichtfertig als Desinformation zu verdrehen".
Politische "Message-Control", subjektive Berichterstattung, Forums-Diktaturen - Bedenken und Vorwürfe gibt es viele. Haben wir verlernt miteinander zu diskutieren? Und welche Konsequenzen haben allzu restriktive Schranken im Kopf?
Ein Salzburger Nachtstudio von Daphne Hruby

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